20.02.2010 - Loch im Kopf

Wir kennen jeden, nur uns selbst kaum.
Hugo Ball (dt. Schriftsteller, 1886 – 1927)

Mit Erstaunen lese ich immer wieder, mit welcher Brutalität Betrunkene sich bei Kontrollen oder Festnahmen gegenüber der Polizei zur Wehr setzen. Von solch unkontrolliertem Treten und Schlagen habe ich in anderen Situationen nur selten gehört.

Nun bin ich auf eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert gestoßen, bei der dem Arbeiter Phineas Gage durch eine Explosion eine Eisenstange durch den Kopf geflogen war und dabei den vorderen Teil seines Gehirns zerstört hatte. Zum Erstaunen aller konnte er sich danach normal bewegen und an alles erinnern, kurzum, ein ganz normales Leben weiterführen.

Nur eins war in seinem Verhalten anders. Während er vor dem Unfall ein geselliger und friedliebender Mensch war, gebärdete er sich danach als streitsüchtig und gewalttätig. Aber worin lag der Grund?

Heute weiß man, dass in diesem vorderen Teil des Gehirns die soziale Schaltzentrale (präfrontaler Cortex) liegt. Während es auch eine Stelle im Kopf gibt, die ständig aggressive Angriffs- und Verteidigungsvorschläge macht (Mandelkern), werden in dieser vorderen Gehirnhälfte alle Alternativen abgewogen und letztlich die Entscheidung getroffen, was zu tun ist.

Und genau diese soziale Schaltzentrale kann offensichtlich auch durch Alkohol lahm gelegt werden. Sobald diese „Sozialstelle“ ausfällt, kommen andere Vorschläge aus dem Unterbewusstsein mehr und mehr unkontrolliert zum Zug. Das muss nicht zwangsläufig in Aggression enden; manchmal löst es auch einfach nur die Sehnsucht nach Liebe oder die Freude am endlosen Diskutieren aus oder vielleicht auch einfach nur den Wunsch, sich auszuziehen oder ganz einfach zu schlafen.

Ich selbst habe es schon erlebt, dass ein absolut friedliebender und hoch intelligenter Freund bei einer öffentlichen Veranstaltung in einem Zimmer saß und jeden, der herein kam, fürchterlich beschimpfte. Er hatte zuvor schon auf zwei Geburtstagsempfängen allen kräftig zugeprostet und war nun fast völlig ohne soziale Kontrolle.

Was kann man daraus lernen? Auf jeden Fall, dass es ganz wichtig ist, die Selbstkontrolle nicht zu verlieren, denn sonst hat man irgendwie ein „Loch im Kopf“. Oder?

Ihr
Erler.Nordlicht@gmx.de

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