24.01.2011 - Krankenkassen

Krankheit lässt den Wert der Gesundheit erkennen. Heraklit (griechischer Philosoph, 520 – 460 v. Chr.)
Krankenkasse ist eine Versicherung. „Kasse“ heißt sie wahrscheinlich, weil sie auch die anderen Sozialabgaben (Rentenbeiträge, Arbeitslosenabgaben usw.) mit einzieht, um sie dann weiterzuleiten. Eine Versicherung ist eigentlich wie eine Lotterie aufgebaut: Alle zahlen etwas ein und nur einigen wird etwas ausbezahlt. Ob etwas „ausgeschüttet“ wird, bestimmt kein technisches Gerät und auch keine Glücksfee, sondern der Gesundheitszustand der Mitglieder. Da hat schon eher derjenige Glück, der keine Ansprüche geltend macht – auch wenn er seinen Einsatz bezahlen muss. Und die Beiträge, die jeder Teilnehmer monatlich zahlen muss, richten sich letztlich nach den Auszahlungen, die in letzter Zeit getätigt wurden und in der Zukunft zu erwarten sind. Entstanden sind solche Gemeinschaften dort, wo die Gesundheit am meisten gefährdet war, nämlich am Arbeitsplatz. Sie waren als „Betriebskrankenkassen“ ursprünglich ausschließlich für einzelne Betriebe bzw. Konzerne zuständig. Ausgangspunkt war dabei die „Kaiserliche Botschaft“ von 1881, mit der das Programm für den Aufbau einer Absicherung gegen Unfall, Krankheit und die Risiken des Alters für die arbeitende Bevölkerung, vor allem der Industriearbeiter verkündet wurde. Dazu zählt - bis heute – auch das Prinzip der Selbstverwaltung bei den Sozialversicherungsträgern, bei der die Politik eigentlich gar nichts zu suchen hat und allenfalls den Rahmen bestimmen darf. Für die Handwerker entwickelten sich gleichzeitig die Innungskrankenkassen, und zwar meistens aus Gesellenbruderschaften als selbstständige Organisationen, die neben gewerkschaftlichen Aufgaben auch Funktionen einer Krankenkasse für die Gesellen übernahmen. Noch älter sind die Versicherungsgemeinschaften bei den Bergleuten, deren Knappschaftswesen bis 1260 zurückverfolgt werden kann und die schon lange vor den Regeln von 1883 eine Beitragpflicht der Bergleute vorgesehen hatten. 1883 wurde nämlich das „Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter“ verabschiedet, wonach eine Versicherungspflicht für Arbeiter - und damit auch für ihre Angehörigen - bestand. Für alle Arbeiter, die noch nicht in einer Betriebs-, Innungs- oder vergleichbaren Krankenkasse waren, wurde 1884 die „Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK)“ eingeführt, der die Arbeiter zugewiesen wurden, wenn sie nicht anderweitig zu versichern waren. Ab 1892 konnten hier auch Angestellte und Heimarbeiter neben gewerblichen Arbeitern Mitglied werden. Alle diese Krankenkassen, bei denen eine Zuordnung der Arbeitnehmer erfolgte und damit eine gesetzliche Versicherungspflicht bestand, nennt man noch heute „Primärkassen“, während die „Ersatzkassen“ ihren Namen deshalb erhalten haben, weil der gesetzlich zu Versichernde als „Ersatz“ für die Pflichtzuweisung eine der bisher schon freiwillig organisierten, eingeschriebenen Hilfskassen wählen konnte, sofern eine solche Kasse für ihn berufsständisch zuständig war. Mit der Einführung dieser Regelungen, die weltweit ohne Beispiel waren, entstanden in Deutschland sehr viele Versicherungen, die meistens örtlich beschränkt waren und mit einer sehr unterschiedlichen Klientel zu tun hatten. Die Anzahl der Krankenkassen hat sich in Deutschland etwas wie folgt entwickelt:
    1895: 18.776 davon etwa 8.200 AOKs
    1913: 21.324
    1960: 2.028
    1990: 1.147 davon etwa 300 AOKs
    1995: 960
    2000: 420
    2005: 267
    2010: 156 davon 12 AOKs
1932 gab es allein in Gelsenkirchen noch 5 selbständige Allgemeine Ortskrankenkassen. Von Anfang an wurde festgelegt, ab welchem Einkommen ein Arbeitnehmer nicht versicherungspflichtig oder aus sonstigen Gründen freigestellt ist, z.B. als Beamter oder Geistlicher, weil für ihn eine andere Regelung im Krankheitsfall besteht. Auch Arbeitgeber und selbständige Freiberufler waren früher nicht gesetzlich verpflichtet, sich gegen Krankheit und sonstige Dinge zu versichern. Dies galt logischerweise grundsätzlich auch für diejenigen, die arbeitslos waren. Nun hat sich in den letzten 100 Jahren so einiges getan, was das Verhältnis zwischen – gesetzlich - Versicherten und den Krankenkassen angeht. Zum einen ist die Vergleichbarkeit der Versicherungsfälle in der heutigen Zeit ganz anders als „damals“. Des Weiteren sind die Arbeitnehmer heute flexibler, was den örtlichen Arbeitsplatz und die Art der Arbeit betrifft. Hinzu kommt auch, dass die einzelne Behandlung aufgrund der heutigen Möglichkeiten wesentlich teurer werden kann. Vor 100 Jahren spielten die enormen Kosten für eine Herztransplantation, einen Gehirnschrittmacher oder künstliche Gelenke noch keine Rolle. Heute können diese Ausgaben eine Krankenkasse, die nicht viele Mitglieder hat, in den Ruin treiben. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass zwischen den Versicherungen heute keine Abschottung mehr besteht, sondern ein Konkurrenzkampf entstanden ist. Das ehemalige „Kastendenken“, bei dem ein Kassenwechsel nur in wenigen Fällen möglich war, ist 1996 dadurch abgeschafft worden, dass heute (fast) jede gesetzliche Krankenkasse auch andere gesetzlich Versicherte aufnehmen kann - sofern sie das möchte. Dies war wirklich eine echte Reform im Gesundheitswesen. Wir können ebenso froh darüber sein, dass sich seitdem immer mehr Krankenkassen zusammenschließen. Denn man muss sich einmal vorstellen, was heute allein die Verwaltung von 21.000 Versicherungen mit Vorständen und Aufsichtsräten kosten würde. Und noch etwas hat sich entscheidend geändert. Seit 2007 sind alle in Deutschland wohnenden Menschen gesetzlich verpflichtet, sich gegen Krankheit zu versichern. Aber diejenigen, die nicht zu den obigen gesetzlich Versicherten gehören, sind die sogenannten Privatversicherten. Damit sind auch alle Arbeitgeber und Freiberufler ebenso wie die Arbeitslosen gesetzlich verpflichtet, einer Krankenkasse beizutreten. Wie das im Einzelnen geschieht und welche Fälle gesetzlich geregelt sind – das erinnert schon fast an unsere umfangreichen Steuergesetze und würde den Rahmen hier sprengen. Doch welche Gruppierungen sich bei Krankenkassen, Kassenärzten und Krankenhäusern im Laufe der Jahre gebildet haben, um Vereinbarungen abzuschließen, wie wenig Mitsprache die Versicherten eigentlich haben, obwohl die Selbstverwaltung der Krankenkassen von Beginn an besteht, was die „Versicherungsämter“ bei den Kommunen eigentlich machen und warum immer noch ein Unterschied zwischen gesetzlich und privat Versicherten gemacht wird – das alles sind Themen, bei denen mehr Aufklärung nicht schaden könnte. Da werde ich in den nächsten Wochen versuchen, noch etwas nachzuliefern, und rechne mit der Neugier unserer Leser. Oder? Ihr Erler.Nordlicht@gmx.de Siehe auch:

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